Evidence-Based Learning at School

„AIDS/HIV“ (Spiegelbeispiel)

Lehrplan, Thema, Vorwissen

Am Freitag, den 05.12.2014, stellte ich in der Klasse 8B den Realschullehrplan für die achten Jahrgangsstufen vor und wählte das Thema „HIV/AIDS“ für das Spiegelbeispiel aus. Da Schüler/-innen in der Regel an diesem Thema interessiert sind, versprach ich mir eine erhöhte Motivation. Die Klasse setzt sich aus insgesamt 27 Schülern zusammen, davon 13 Mädchen und 14 Jungs. Die Schüler sollten ihr Vorwissen auf einem DinA4-Blatt in Form einer Mindmap festhalten. Hierfür hatten sie fünf Minuten Zeit. Im Anschluss hatten sie die Möglichkeit, ihr Vorwissen dem Banknachbarn zu präsentieren. Bei der Auswertung stellte ich fest, dass die Schüler zum Teil ein gutes Vorwissen besitzen. Dennoch gab es gegensätzliche Aussagen zu bestimmten Bereichen, z. B. „AIDS ist heilbar!“ und „AIDS ist nicht heilbar!“. Diese Gegensätze stellten sich meiner Meinung nach als Glücksfall heraus, denn dadurch wurde den Schülern aufgezeigt, dass kein einheitliches Vorwissen vorhanden ist und man das Thema genau behandeln muss, um die Richtigkeit mancher Aussagen zu überprüfen.

Zusammenfassung Vorwissen der Klasse

Zusammenfassung Vorwissen der Klasse

Projektablauf, Zusammenfassung des Vorwissens, Fragenkatalog

Am Donnerstag, den 11.12.2014, stellte ich den Schülern den Ablaufplan für das Projekt mit Hilfe einer Powerpoint-Präsentation vor. Anschließend konfrontierte ich die Klasse mit einer Zusammenfassung des Vorwissens, so dass Schüler die Diskrepanz zwischen einigen Aussagen (s. o.) erkennen konnten. Nun sollte die Klasse mit Hilfe von Padlet konkrete Fragen, die für sie von Interesse waren, formulieren. Diese wurden mit dem Lehrplan verglichen und so stellten wir fest, dass einige der Fragen sich darin wieder fanden, viele jedoch gingen über den Lehrplan hinaus. An der Tafel wurde ein Fragenkatalog erstellt, der für die spätere Themenauswahl relevant war.

Themen und Fragen über AIDS/HIV

Themen und Fragen über AIDS/HIV

Themenauswahl, Sozialform, Leistungsmessung

Freitag, der 12.12.2014, stand ganz im Zeichen der Diskussion. Es wurden folgende Fragen diskutiert: Was lernen wir? Wie lernen wir? Wie überprüfen wir das Gelernte?

Was lernen wir?

Wir beschlossen, pro Gruppe mindestens drei Themen aus dem Fragenkatalog zu verwenden, wovon mindestens eins auch im Lehrplan stehen sollte.

Wie lernen wir?

Die Schüler einigten sich nach einer Abstimmung auf Gruppenarbeit. Es sollten sich drei bis vier Schüler in jeder Gruppe befinden. Des Weiteren diskutierten wir nötige Kompetenzen und verschiedene Medien zur Informationsbeschaffung.

Wie überprüfen wir das Gelernte?

Die Schüler sprachen sich für eine Präsentation und eine mögliche Form des Peer-Teachings aus.

Die Diskussion endete hier und wurde in der nächsten Stunde an dieser Stelle wieder aufgenommen. Die Schüler sollten sich als Hausaufgabe weitere Gedanken zur Überprüfung des Gelernten und zur Gruppeneinteilung machen.

Leistungsmessung, Gruppeneinteilung, Projektmappe

Am Montag, den 22.12.2014, wurde die Diskussion fortgesetzt. Es wurden weitere Möglichkeiten der Überprüfung vorgestellt und diskutiert. Neben einer Präsentation und Peer-Teaching schlugen die Schüler vor, dass man auch eine Broschüre, ein Poster, einen Lernzirkel oder einen Videoclip zu den jeweiligen Fragen erstellen könnte. Die Gruppeneinteilung stellte sich in dieser Stunde als größtes Hindernis heraus. Die Schüler machten sich im Vorfeld keine Gedanken und so benötigte dieser Punkt relativ viel Zeit. Die Klasse schaffte es schließlich nach 15 Minuten, sich auf acht Gruppen aufzuteilen. Außerdem wurden die Schüler in die Arbeit mit dem Wochenbericht eingewiesen. Am Ende der Stunde wurde darauf hingewiesen, dass jede Gruppe eine Projektmappe führen sollte, in die alle Wochenberichte, Materialien und Quellen eingeheftet werden sollten.

Themenverteilung, Dauer, Bewertung

Am Donnerstag, den 08.01.2015, einigten sich die Schüler auf die Themen innerhalb der Gruppe und verteilten diese auf die Mitglieder. Des Weiteren legten sie fest, wie sie ihre Ergebnisse präsentieren wollten. Wir einigten uns darauf, dass eine Präsentation höchstens 20 Minuten pro Gruppe dauern sollte. Als Bewertungsschwerpunkte legten wir folgende drei Bereiche fest: Fachwissen, Präsentation und die Projektmappe. Der Beginn der Präsentationsphase wurde auf Donnerstag, den 05.02.2015, terminiert.

Erarbeitungsphase

Am Freitag, den 09.01.2015, arbeiteten die Schüler in ihren Gruppen. Ich wies sie darauf hin, dass ein Großteil der Arbeit natürlich zu Hause erledigt werden müsste, um zeitlich nicht ins Hintertreffen zu geraten. Während der Unterrichtsstunde stellte ich fest, dass die Schüler mit dem Ausfüllen der Wochenberichte ihre Probleme hatten, und so wirkte ich diesem kleinen Hindernis in einem kurzen Unterrichtsgespräch entgegen.

Während der nächsten fünf Unterrichtsstunden arbeiteten die Schüler innerhalb ihrer Gruppen an den Präsentationen. Am Ende jeder Woche gaben sie ihre Wochenberichte bei mir ab, so dass ich diese überprüfen konnte. Auf diese Weise war es mir möglich, den Fortschritt jeder einzelnen Gruppe gut verfolgen zu können. Falls notwendig, konnte ich auch Fragen zu missverständlichen Äußerungen stellen und diese von den Schülern berichtigen lassen.

Am Donnerstag, den 29.01.2015, arbeiteten die Schüler zum letzten Mal offiziell in ihren Gruppen. Am Ende der Stunde wurde die Reihenfolge der Präsentationen durch Auslosung festgelegt.

Lerngespräch, Bewertung

Am Freitag, den 30.01.2015, wurden die Schüler zu Beginn der Stunde in den Ablauf des Lerngesprächs eingewiesen. Bevor sie in das Gespräch gingen, gaben die Gruppenleiter die Wochenberichte zur Kontrolle bei mir ab.

Im Rahmen des Lerngesprächs sollten sich die Schüler mit folgender Lernfrage beschäftigen: Was sind die wichtigsten Dinge, die du über HIV und AIDS wissen solltest?

Ich stellte fest, dass einige Schüler Schwierigkeiten bei der Durchführung dieser Methode hatten. Der Ablauf musste nochmals erläutert werden. Ich musste vor allem in der dritten Phase („Jeder stellt seine Notizen kurz vor!“) die Diskussionsleiter unterstützen, um einen sauberen Ablauf des Lerngesprächs zu gewährleisten. Die Ergebnisse der einzelnen Gruppen stimmten mich sehr positiv, da sich die Schüler bewusst mit den wichtigsten Sachverhalten von AIDS/HIV auseinandersetzten und auch diese selbstsicher in kleinen Ausschnitten präsentieren konnten. Die Schüler gaben mir zum Schluss noch ein kurzes Feedback zu dieser Verfahrensweise. Sie fanden es sehr gut, dass auf diese Weise ein geordneter Gesprächsverlauf möglich war, ohne dass sich die an der Diskussion beteiligten Personen gegenseitig ins Wort fielen. Die meisten Schüler (etwa 80%) würden sich freuen, diese Methode öfter durchzuführen.

Am Ende der Unterrichtstunde ging ich nochmals auf die Bewertung der Präsentationen ein, um hier von Anfang an für eine gewisse Transparenz zu sorgen. Die Note für einen einzelnen Schüler setzt sich aus drei gleichwertigen Bereichen zusammen: Fachliches Wissen, Präsentation und Projektmappe. Die Notenskala geht wie üblich von 1 bis 6. Der Durchschnitt der drei Einzelnoten bildet die Gesamtnote.

1. Fachliches Wissen: Zusammenhänge, Detailwissen, Richtigkeit

2. Präsentation: sinnvoller Ablauf, freier und verständlicher Vortrag, sinnvoller Medieneinsatz, Publikumsbezug

3. Projektmappe: Vollständigkeit, Wochenberichte, Arbeitsverteilung innerhalb der Gruppe

Ergebnisse der Leistungsmessung

Der Großteil der Klasse nahm dieses Projekt sehr ernst und so kam es zu folgendem Notenbild: 3x sehr gut, 19x gut, 5x befriedigend. Fachlich waren die Schüler kompetent und fundiert vorbereitet bzw. informiert. Die meisten taten sich beim Präsentieren schwer. Jeder Schüler bekam von mir ein individuelles Feedback zur Notengebung mit genauer Begründung. Dies war zwar sehr zeitintensiv, aber ich bin der Meinung, dass so eine Vorgehensweise gerade hier gegenüber den Schülern durchaus gerechtfertigt ist.

Schülerfeedback

Am 02.03.2015 führte ich eine Feedbackrunde mit Hilfe von Socrative durch. Die Schülerbeantworteten unabhängig voneinander folgende drei Fragen: (Ein kurzes Fazit meinerseits und die Schülerantworten stehen unter der jeweiligen Frage.)

  1. Wie findest du die Art von Unterricht, wie sie beim Projekt „AIDS/HIV“ angewendet wurde? Beschreibe bitte kurz deine Erfahrungen!

Die Schüler empfanden diese Methode als positiv. Vor allem das selbständige Arbeiten ohne Lehrer, die in der Gruppenarbeit gemachten Erfahrungen und das ganzheitliche Erfassen des Themas standen bei ihnen an vorderster Stelle.

„Ich finde diese Art gut, weil wir die Zusammenarbeit mit anderen Schülern lernen und dadurch für die große Projektpräsentation in der 9. Klasse vorbereitet werden.“

“Ich finde sie gut, weil wir selbstständig alles erfassen müssen und so kann man es sich besser merken! Und man kann mit den Freunden zusammenarbeiten.”

“Ich finde diese Art von Unterricht sehr informativ, da man durch eigenes Recherchieren doch mehr erfährt als durch eine normale Unterrichtsstunde.”

  1. Siehst du Vorteile in dieser Art von Unterricht? Wenn ja, nenne diese bitte!

Nur drei von 26 Schülern sind der Meinung, dass diese Art von Unterricht keine Vorteile für sie mitbringt. Der Großteil der Schüler hingegen ist davon überzeugt, dass sie dadurch selbständiger werden, da sie Themen ohne (große) Hilfe des Lehrers erarbeiten dürfen. Des Weiteren fühlen sie sich besser auf die Projektpräsentation in der neunten Jahrgangsstufe und die Berufswelt vorbereitet, weil sie soziale und kommunikative Kompetenzen lernen und einüben. Manche Schüler denken, dass sie auf diese Weise motivierter arbeiten.

„Ja. Präsentation für die 9. Klasse, Zusammenarbeit.“

“Der Vorteil ist, dass man sich selber etwas erarbeiten kann, auf das man auch Lust hat und man hat viel mehr Spaß bei der Arbeit, wie ich finde.”

„Man lernt mit anderen zusammenzuarbeiten, was vielleicht gut für das spätere Berufsleben ist.“

„Nein, man lernt im Endeffekt dasselbe wie im normalen Unterricht.“

  1. Wie bewertest du deinen Anteil an der Gruppenarbeit? (Prozentangabe!)

Sieben Gruppen kamen in Summe knapp über 100 %, eine knapp darunter. Aus diesem Ergebnis schließe ich, dass die Schüler und Schülerinnen ihren eigenen Anteil an der Gruppenarbeit relativ gut selbst einschätzen konnten.

Mein Fazit

Mich hat diese Art von Unterricht vollends überzeugt und ich habe beschlossen, dass ich in Zukunft in jeder achten Klasse, in der ich Biologie unterrichte, solch ein Projekt durchführen werde. Des Weiteren werde ich zukünftig allgemein mehr Wert auf die Selbständigkeit der Schüler, auf deren Mitspracherecht und auf deren Feedback legen. Das heißt aber nicht, dass ich mein bisheriges pädagogisches und didaktisches Wirken als schlecht empfinde. Im Gegenteil! Meiner Meinung nach macht die Abwechslung einen guten Unterricht aus. Ich werde nur etwas offener an das Ganze herangehen.