Evidence-Based Learning at School

Erkenntnisse und Maßnahmen aus dem Projekt

Aus der Zusammenarbeit mit unseren schwedischen Projektpartnern ergaben sich folgende Erkenntnisse und Maßnahmen für die MB-Dienststelle des Ministerialbeauftragten für die Realschulen in Oberbayern-West:

1. Einblick in das schwedische Schulsystem und seine Führungsstrukturen

Durch den regelmäßigen, oft sehr intensiven fachlichen Austausch, sowie die persönlichen Begegnungen haben wir einen guten Überblick und an einigen Stellen sogar einen Einblick in das schwedische Schulwesen erhalten. Insbesondere die Leitungsstrukturen und die Arbeit der Schulaufsicht wurden uns vertieft bekannt gemacht.

Der Einblick in anderes nationales Schulwesen hat uns wieder einmal und auf eine höchst intensive Weise den Blick geöffnet für die europäische Dimension von Bildung und Erziehung. Sie öffneten uns noch mehr die Augen für andere Formen, Strukturen und Ansätze. Unsere uns eigene Linie, von Anderen lernen zu können und dies auch in die Praxis umzusetzen, wurde dadurch noch gestärkt. Für beide Partner in diesem Comenius-Regio-Projekt war Europa somit nicht mehr nur eine Idee, sondern ein lebendiger Impuls für unsere Arbeit in der Schulaufsicht.

Über die Zunahme des Wissens hinaus, haben wir einige Impulse aufgenommen. Einige bestärkten uns auf unserem bereits eingeschlagenen Weg (z.B. der schwedische Umgang mit Widerständen bei der Implementierung von Innovationen). Andere befinden sich noch in einem Status der Diskussion. Wieder andere haben wir bereits in die Praxis umgesetzt:

2. Die „Learning Conversation“ – eine Methode zur Einführung von Innovationen im Schulsystem

Im Rahmen unserer Beteiligung am Comenius Projekt haben wir von unseren schwedischen Partnern die Methode „Learning Conversation“ kennengelernt. Die schwedischen Kolleginnen und Kollegen haben immer wieder eindrücklich gezeigt, dass viele ihrer Treffen mit Hilfe dieser Methode gestaltet werden und sie damit sehr gute Ergebnisse erzielen.

Worum handelt es sich bei einer „Learning Conversation“?

„Learning Conversation“ ist eine Methode, die Lösungen finden will, die von den (aller)meisten der Mitarbeiter und/oder der Betroffenen mitgetragen wird.

  • Die Lerngruppe sollte aus max. 7 Personen bestehen.
  • Zu Beginn der „Learning Conversation“ müssen ein Moderator, ein Zeitnehmer und eine Person, die das Protokoll erstellt festgelegt werden.
  • Nun erhält die Lerngruppe eine Lernfrage.
  • Innerhalb einer, vom Moderator festgelegten Zeitspanne (2-5 min) muss sich nun jeder Teilnehmer zunächst selbst Gedanken zur Lernfrage machen. Diese werden auf Post-its  festgehalten – pro Gedankengang ein Post-it.
  • Im nächsten Teil erhält nun jeder Teilnehmer eine festgelegte Zeit (ca. 2 bis 3 min), in der er seine Gedanken der Gruppe vorstellt. Jeder Teilnehmer erhält die gleiche Zeit und muss einen Beitrag leisten. Der erste Teilnehmer beginnt, indem er seine Aspekte mit Hilfe der Post-its auf einem Plakat fixiert. Er darf während seiner Ausführungen nicht unterbrochen werden. Der Moderator achtet darauf, dass sich jeder daran hält. Der Zeitnehmer sorgt dafür, dass die Zeitspannen genau eingehalten werden.
  • Am Ende dürfen Verständnisfragen gestellt werden, jedoch darf keine Kritik und keine Wertung enthalten sein. Dann kommt der nächste Teilnehmer an die Reihe. Auch er heftet seine Aspekte mit Hilfe der Post-its auf das Plakat. Wenn er ähnliche Themen hat wie sein Vorgänger, dann werden die Zettel sofort thematisch sortiert. Alle anderen Bedingungen bleiben gleich. So kommen nach und nach alle Teilnehmer an die Reihe.
  • Wenn alle an der Reihe waren, wird noch einmal gemeinsam das Plakat betrachtet und besprochen, ob die thematischen Bündelungen sinnvoll sind. Hier können noch Veränderungen vorgenommen werden. Es werden dann Überbegriffe für die Themengebiete gesucht und so erste Lösungsmöglichkeiten bzw. weitere Lernfragen entwickelt, von denen aus weitere Maßnahmen geplant werden können.
  • Da gleichzeitig Protokoll geführt wird, sind am Ende alle Ergebnisse fixiert und können den Teilnehmern mitgegeben werden.

Übernahme dieser zentralen Methode für Oberbayern-West

Begründung für die Übernahme

  • Jeder und jede in einer Gruppe kommt zu Wort. So werden Menschen, die gerne das Gespräch an sich reißen, etwas ausgebremst, und andere, die eher still sind, können ihren Beitrag liefern.
  • Die Beiträge sind viel ehrlicher als in gewöhnlichen Gruppenprozessen: Sie werden zuerst ganz alleine formuliert; in einer ersten Darlegung kommt es zu keinen Kommentierungen oder zu Kritik. Vor dem dritten Schritt ist dieser Beitrag aber dann schon einer von vielen und gerät damit nicht mehr so ins Kreuzfeuer, wie wen er allein stünde. Erst im dritten Schritt setzt man sich mit dem Beitrag auseinander.
  • Jeder ist gefragt und hat am Ergebnis mitgewirkt, was für Verbindlichkeit erzeugt. Damit hat Jede/r Anteil an der Lösung.
  • Auch werden hier die Lösungen für eine Frage innerhalb der Gruppe gesucht.

Testen der „Learning Conversation“

Aus diesen Gründen haben wir uns entschieden, die Methode unseren Führungskräften vorzustellen. Im Rahmen einer Regionalen Lehrerfortbildung wurden alle Konrektoren/-innen und alle Zweite Konrektoren/-innen des Aufsichtsbezirkes mit dieser Methode vertraut gemacht. Sie haben selbst an einer „Learning Conversation“ teilgenommen und deren positive Aspekte kennengelernt.

Einsatz bei Führungskräften

Auch bei anderen Führungskräftefortbildungen wird diese Methode nun Schritt für Schritt eingeführt, einmal als Methode an sich, aber auch als Weg, ein bestimmtes Ziel zu erreichen.

Einsatz in der Fortbildung

Die Fachmitarbeiter des Ministerialbeauftragten werden im Herbst mit dieser Methode bekannt gemacht. Ziel ist es, dass in vielen regionalen Fortbildungen die „Learning Conversation“ Verwendung findet.

Einsatz in den Schulen

Über die Schulleitungsteams gelangt diese Methode auch an die Realschulen im Aufsichtsbezirk. Es wird allerdings einige Zeit dauern, bis sie in der Fläche und in der Tiefe dort angekommen ist.

Wie es in Oberbayern-West seit der Umstrukturierung bei Regionalen Lehrerfortbildungen üblich ist, wurden die Teilnehmer/-innen immer verpflichtet, das neu Erlernte anzuwenden. Sie sollen in ihrem Arbeitsbereich die Methode „Learning Conversation“ mit einer Gruppe aus ihrem Zuständigkeitsbereich durchführen. Die Evaluation unserer Fortbildung ist bisher sehr positiv ausgefallen.

3. Wissenschaftliche Begleitung bei laufenden Schulentwicklungsprozessen

Die schwedische Struktur, auf allen Ebenen der Schulaufsicht über abgeordnete Wissenschaftler der Universitäten verfügen zu können, ist so im bayerischen Schulsystem unbekannt (und auch nicht so schnell umsetzbar).

Diese der Sache aber sehr dienlichen Zuordnung und Begleitung und die damit verbundene gegenseitige positive Beeinflussung hat uns sehr überzeugt. Auch entspricht dieser Ansatz genau der beabsichtigten Meta-Zielsetzung des Projekts: Mehr evidenzbasierte, aus der Bildungsforschung begründete und allgemeine gültige Ergebnisse in die Praxis einzubringen. Wir haben also versucht, diese Idee auf unsere Weise in unser System zu adaptieren:

  • Noch mehr Referenten für Fortbildungen aus dem universitären Bereich, insbesondere für Führungskräftefortbildungen
  • Noch mehr Kooperationen mit universitären Einrichtungen und der Regionalen Lehrerfortbildung. So wurde zum Beispiel im Dezember 2014 zusammen mit Ludwig-Maximilian-Universität München, dem Pädagogischen Institut München und unserer Dienststelle eine dreitägiger „Tag der Mathematik“ für Lehrkräfte veranstaltet.
  • Änderung der Schwerpunktsetzung bei der Finanzierung. Die vorhandenen Mittel werden stärker für wissenschaftliche Referenten verwendet.

4. Neue Ideen für die Weiterbildung von Lehrkräften

In diese Zeit des gemeinsamen Comenius-Regio-Projekts fiel auch unsere Umstrukturierung der Regionalen Lehrerfortbildung. Das neue Konzept war bereits im Entstehen und hatte bereits einen evidenzbasierten Ansatz. Dieser wurde durch die ersten Aussprachen mit den schwedischen Partnern noch bekräftigt (siehe Konzept der Regionalen Lehrerfortbildung in Oberbayern-West). Auf der Meta-Ebene half uns die Partnerschaft eindeutig in der Klärung unserer Ansätze und sie war eine Unterstützung unseres Weges.

Da es in Schweden eine Regionale Fortbildung in dieser zentralen Weise nicht gibt (sondern die Fortbildungsimpulse eher schulintern erfolgen), gab es auf diesem Bereich allerdings weniger konkrete Impulse als erwartet.

5. Impulse für die Weiterbildung von Führungskräften

Beide Partner dieses Projekts haben ähnliche Herangehensweisen in der Qualitätsentwicklung der Schulaufsicht und der Führungskräfte. Beide erleben dieselben Herausforderung und Widerstände, bei der Implementierung von Innovationen. Beide bestärkten sich gegenseitig in ihrem Ansinnen, das Mind-Setting bei den Führungsebenen von Schule voranzutreiben.

Von daher war der durch Comenius Regio ermöglichte Austausch sehr hilfreich.

6. Fazit

Der Gewinn, der durch dieses zweijährige Projekt für unsere Dienststelle festzustellen ist, liegt deutlich über den nicht erfüllten Erwartungen. Wir werden die erhaltenen Impulse und die Umsetzungen in die Praxis weiterführen. Wir werden auch immer auf die Quelle dieser Impulse, nämlich dieses europäische Bildungsprogramm hinweisen, und wir werden uns zu gegebener Zeit wieder für ein Comenius-Regio-Projekt bewerben.

Wir bedanken uns sehr herzlich für die Ermöglichung eines solch intensiven Austausches bei der Europäischen Gemeinschaft!

Ernst Fischer
Ltd. RSD als Ministerialbeauftragter
für die Realschulen in Oberbayern-West